Selvaggio Blu – Die schönste Trekkingtour Europas – Teil III

Mehr als die Hälfte des Selvaggio Blu liegen hinter uns. Die Erlebnisse auf den vorangegangenen Tagesetappen könnt ihr hier nachlesen. Ob es tatsächlich die schönste Trekkingtour in Europa ist?

Die vierte Tagesetappe: Bacu Mundaloru – Cala Sisine

Nach einer wenig erholsamen Nacht packen wir unsere Sachen zusammen. Ich hatte Glück mit meiner dicken Exped UL Luftmatratze auf dem Gerölluntergrund, die Anderen mit ihren teilweise nur 1cm dicken Isomatten weniger. Dafür dürfen wir zu Beginn der Tagesetappe unmittelbar neben unserem Schlafplatz eine kurze, einfache Kletterpassage (etwa Grad II) überwinden, um weiter voran zu kommen.

Es folgt schon bald ein unangenehmer Aufstieg auf der steilen, manchmal instabil wirkenden Geröllrinne. Genau hier hat sich der Felssturz seinen Weg gebahnt. Nach starken, anhaltenden Regenfällen würde ich den Geröllhang meiden. Doch auch in der Nacht bei Trockenheit sind hier einige große Brocken heruntergedonnert. Hoffentlich nur im obersten Hangabschnitt, der nicht begangen werden muss.

Hat man diese Stelle heil überwunden, geht es traversierend und immer wieder ansteigend im Wald weiter. Gelegentlich wird der Blick frei auf eine imposante Felswand über uns.

Wo geht es lang?

Immer wenn im Buch etwas von schwierig zu finden steht, kann man sich darauf verlassen, dass dem auch so ist. Genauso wie mit der Wasserstelle bei Portu Cuau, die als “hard to find”  beschrieben ist und ohne die GPS Koordinaten (neuste italienische Auflage) kaum zu finden ist, kommen wir wieder mal vom Weg ab. Im Grunde haben wir uns genau an den Text gehalten, landen aber plötzlich an einem reizvollen Aufstieg auf die Hochebene.

Da noch eine weitere Etappe am heutigen Tag auf uns wartet gehen wir weiter ohne den eigentlichen Weg mühselig zu suchen. An einer Höhle vorbei gelangen wir auf die Hochebene und navigieren mit Hilfe der Karte auf dem teils etwas zugewachsenen Karstplateau mühselig zum nächsten Pfad. Dieser verläuft oberhalb der Originalroute und kann sobald die Routen parallel verlaufen, oder auch erst später, Richtung Nordosten bergab verlassen werden. Hier benutzen wir zum ersten Mal unser GPS-Gerät.

Schnell sind wir wieder auf dem Selvaggio Blu und erreichen in Kürze Cuile Mancosu, den nächsten Schlafplatz. Nach einer Rast mit Brot und Parmesankäse geht es jedoch ohne schlaf umgehend weiter, wollen wir doch noch die nächste Etappe anschließen. Es ist gerade mal 12 Uhr.

Geröllrinne

Unangenehmer Aufstieg an steilem Geröllhang.

Selvaggio Blu

Blick von oben auf die Kletterstelle. Die Wand im rechten Bildbereich wird traversiert.

Es folgen gefährlich steile Geröllhänge, 4 Abseilstellen (alle gut abgesichert) sowie eine Kletterstelle.

Die erste Kletterstelle ist mit Grad IV, die unmittelbar folgende Traverse ebenfalls mit IV und der Ausstieg mit IV+ angegeben. Ich habe es eher wie folgt wahrgenommen: IV+, IV, III. Nach der Traverse kann man einen Standplatz einrichten und den Rest der Gruppe nachholen. Der Ausstieg ist nicht mit Hakenlaschen gesichert, sondern mit einer Stahlkette an der man sich festhalten kann. Die Stelle ist aber leicht zu klettern und der Fels gut. Die Stahlkette benötigt man im Grunde nicht. Früher verlief die erste Kletterstelle anders, begann ein paar Meter weiter und war mit Stahlketten gesichert. Die Kette hängt immer noch und führt zum beschriebenen Standplatz. Ob diese noch benutzt wird, weiß ich nicht.

Die Etappe zieht sich und statt der angegebenen 5.30 benötigen wir eine Stunde länger bis zur heiß ersehnten Bucht, der Cala Sisine. Wir sind die einzigen hier und kommen nach über 10 Stunden an. Die Doppeletappe war hart. Hinzu kommt der schlechte Schlaf und zu wenige Kohlenhydrate in den letzten Stunden. Ich bin erledigt und verziehe mich nach einem Sprung ins kühle Nass rasch in meinem Schlafsack. Für heute reicht es.

Die fünfte und letzte Tagesetappe: Cala Sisine – Cala Luna (Küstenvariante)

Die Nacht war erholsam und unsere Körper haben sich zumindest etwas regeneriert. Eine traumhafte Abschlussetappe erwartet uns. Wir haben uns für die längere und seltener begangene Küstenvariante entschieden.

Viel weiß ich von diesem letzten Tag nicht mehr. Nur, dass für uns diese letzte Etappe zu den schönsten der Tour gezählt hat. Konditionell wieder anstrengend und häufig zugewachsen. Oft mussten wir in alle Richtungen ausschwärmen bis einer von uns ein Steinmännchen oder ein anderes Wegzeichen gefunden hatte und es auf dem richtigen Weg weiter ging.

Auch die Anstrengung der letzten Tage machte sich bemerkbar. Eine kleine Unachtsamkeit in vermeindlich leichtem Gelände und ich, sowie einer meiner Freunde stürzen. Es bleibt bei einer kleinen, oberflächlichen Verletzung. Trotzdem ermahnt es uns immer voll konzentriert zu bleiben, auch wenn die Hauptschwierigkeiten hinter uns liegen. Sieben Stunden haben wir gebraucht und verzichten auf den bereits im letzten Jahr zurückgelegten Weg von der Cala Luna zur Cala Fuili. Dieses letzte Stück ist mit ca. 1.15 Stunden angegeben. Ich bezweifle, dass dies möglich ist, es sei denn man joggt die Strecke oder hat nichts zu schleppen. Selbst in schnellstem Tempo haben wir im letzten Jahr gute eineinhalb Stunden benötigt.  Dieses Mal gönnen wir uns jedoch die Fähre und genießen vom Heck des Bootes aus, den Blick auf diese einmalige Tour – den Selvaggio Blu.

Selvaggio Blu

Das Abenteuer ist zu Ende. Rückblick auf diese einmalige Küste.

Wie geht’s weiter?

Wir werden wieder kommen. Das steht fest. Die Tour ist so vielseitig und einfach nur wunderbar. Bleibt zu hoffen, dass der Charakter der Tour erhalten bleibt. Die Kommerzialisierung schadet dieser einmaligen, wilden Trekkingtour und jeder der sich gut vorbereitet und entsprechende Erfahrung aus dem Klettern oder von alpinen Touren hat kann diesen Traumpfad schaffen. Ein  Anbieter, der einem das Essen in die Buchten fährt oder ein Guide, hinter dem man nur herläuft sind nicht notwendig. By fair means.

In den nächsten Beiträgen veröffentlichen wir unsere Packliste und wichtige Tipps. Zu den ersten Tagesetappen geht es hier.

Die schönste Trekkingtour?

Ob der Selvaggio Blu die schönste Trekkingtour ist, lässt sich nicht beantworten. Eines steht fest. Die Tour ist eine der schönsten und abenteuerlichsten Touren in Europa. Hoffentlich noch lange.

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